Montag, 7. Januar 2008

Sylvester in Singapur.

Gedanken zum Jahresende/anfang in der Löwenstadt


Um 23:59 gehen an der Marina Bay die Lichter aus. Die im Tsunamijahr 2005 eingeführte Schweigeminute soll der Bevölkerung auch diesmal in den letzten Sekunden vor Mitternacht Gelegenheit zur Reflektion bieten. Doch bei 150 000 Menschen, die sich rund um die Esplanade versammelt haben, gestaltet sich komplette Ruhe schwierig. Die Vorfreude auf das Neujahrsfeuerwerk ist zu groß. 8 Minuten soll es dieses Jahr dauern, ausgestattet mit pyrotechnischen Neuheiten und einer eigens komponierten Begleitmusik. Als ich mit der Menge die letzten Sekunden des Jahres anzähle, hat sich die Vorfreude auf mich übertragen. Ich stehe mit meinen Kolleginnen auf der Reporterplattform und habe beste Sicht auf die vor mir liegende Bucht und Singapurs Skyline.

Mit lauten „Oooh“- und „Aaah“-Rufen begleiten viele Zuschauer die vielfarbige Raketenshow. Die Musik geht im beeindruckenden Explosionslärm unter. Viel zu schnell ist das Feuerwerk zu Ende.
Doch die Gelegenheit zu weiteren Feldstudien zur Bevölkerung Singapurs möchte ich mir nicht nehmen lassen und tauche in die an der Uferpromenade stehende Menge ein. Drei Erkenntnisse möchte ich hier festhalten:

1. Singapurs vier große Ethnien feiern am liebsten jeweils unter sich. Das große multikulturelle Miteinander, dass die Singapurer Tourismusbehörde nicht müde wird, als Werbeslogan in jeder vielfarbigen Hochglanzbroschüre ganz oben zu platzieren, findet so nicht statt.

Chinesische Familien sitzen zusammen, genauso wie die angmohs, die ausländischen Expats, die alle am Clarke Quay überteuertes Importbier trinken. Junge, hübsche malayische Teenager feiern im eigenen Kreis genauso wie die Hunderten von indischen Wanderarbeitern, die sich vor allem um die Freiluftbühne drängen, auf der Singapurs neue Rockhoffnung „Allura“ mit der 19jährigen Frontfrau Inch vor allem Männerherzen höher schlagen lässt. Eines wird schnell klar: Singapur ist nicht Rio de Janeiro. Hier liegen sich Schlag 12 Uhr keine wildfremden Menschen in den Armen, niemand wünscht Unbekannten ekstatisch „Frohes Neues Jahr!“. Einzige Ausnahme bilden die hiesigen Taxifahrer, und das wohl eher aus Servicegründen.

2. Nach Feuerwerk und Rock’n’Roll geht’s nach Hause! Zu meiner großen Überraschung zieht der Großteil der 150 000 Menschen nach gut einer Stunde wieder ab. Ich sehe nirgends ein Mitternachtspicknick, niemand packt seine Gitarre aus, die offizielle Unterhaltung ist zu Ende, das Volk hält nichts mehr. Der Massenexodus verläuft zügig und ohne Zwischenfälle.

3. Zu verdanken ist das sicher der hohen Polizeipräsenz. Beamte und Angstellte privater Sicherheitsdienste leiten die Menge und vermitteln mir das Gefühl einer pubertären Geburtstagparty im Hause der Eltern, bei der die Mutter zwar Alkohol zugelassen hat, aber alle 10 Minuten zu Kontrollbesuchen ins Jugendzimmer stürmt um nachzusehen, ob sich auch alle Besucher zu benehmen wissen.

Doch das neue Jahr hält auch neue Hoffnung bereit. Ich habe Müll gesehen! Auf dem Rasen, auf den Wegen rund um die Esplanade ist der Boden mit farbigem Unrat bedeckt. Doch meine chinesische Kollegin holt mich schnell auf den Boden Singapurer Tatsachen zurück. „Den Müll haben sicher die Inder zurückgelassen“, kommentiert sie trocken.

Während ich langsam zu Fuß über die für Autos gesperrte Marina Bay Bridge Richtung Fullerton Hotel spaziere, wird mir klar, dass die Herausforderungen des Landes im alten Jahr auch für 2008 gelten müssen: lockerer, kreativer, multikultureller.

Singapur, auf Dein Wohl!

5 Kommentare:

Anonymous Anonym meinte...

Schön – der muntere Text! Und wunderbare Fotos dazu! Das ist gute Laune pur!
Ob die Erwartungen allerdings begründet, vielleicht sogar wünschenswert sind, was die Vermischung der Ethnien und mehr Spontaneität anlangt, bezweifle ich: 150 000 Menschen friedlich "feiern" zu lassen, ist ein Balanceakt. Zum Vergleich: wenige hundert Menschen haben in der Sylvesternacht den hiesigen Hausberg zu einer Müllhalde gemacht: zwei Dutzend städtische Arbeiter haben 30 blaue Säcke Müll, verteilt über eine weitläufige Rasenfläche, in einer Sonderschicht, einsammeln dürfen (und das, nachdem engagierte Anwohner bereits etliche Müllsäcke gefüllt hatten). Nicht auszudenken, was 150 000 angerichtet hätten, wenn sie die westliche Freiheit, die Individualität, das Recht auf feiern und auf feuern praktiziert hätten. Sterilität ist das eine, der ungebremste dubiose Individualismus einer kollektiv hedonistischen Ich-will-Spaß-Meute ist das andere. Wo, fragt der Grieche, iss eijentlich die Mitte, ej?
Grüße aus dem Stumpfsinn

7. Januar 2008 um 22:57  
Blogger olr — 纪韶融 meinte...

Das ist der springende Punkt. Tübinger Spaßfanatiker auf der einen, Singapurer Mäuschen auf der anderen Seite.
Was ich Deinem Bericht zustimmend entnehmen möchte, ist, dass mir an Deutschland die stetig steigende Serviceerwartungshaltung auch gewaltig auf die Nerven zu gehen beginnt. Das lässt sich auch wunderbar auf Öffnungszeiten von Supermärkten und öffentlichen Institutionen ausdehnen. In Singapur kann ich 24 Stunden am Tag meine Bücher zurückgeben, in Deutschland höre ich lautes Seufzen am Ausleihschalter, wenn die Schlange der Kunden auf 10 angewachsen ist. Andererseits sind die Deutschen auch anstrengende Kunden.
Ich plädiere für einen umweltbewussten, sozialkritischen multikulturellen Hedonismus!

8. Januar 2008 um 02:23  
Anonymous Anonym meinte...

Den umweltbewußten, sozialkritischen, multikulturellen Hedonismus kauf' ich! Sofort! Aber wo?
Im Ernst – je älter ich werde, um so mehr entwickelt sich eine noch harmlose?, zarte?, unentschiedene Reglementierungsneigung.
Die Faszination, die Orte wie Singapur, manche in der Schweiz, auch manche deutschen Dörfer, im Südwesten zum Beispiel auf mich ausüben, beruht auch darauf, daß vieles so leicht und unproblematisch und gut funktioniert, mit leichter Hand und ohne grundsätzliches Gemecker (oben gegen unten, Verkäufer, Tankwart, Pfarrer gegen Kunde, Nachbar gegen Nachbar. Und oft ohne die Schatten unter den Augen von Schalterbeamten, Arzthelferinnen oder Busfahrern.

10. Januar 2008 um 06:11  
Blogger olr — 纪韶融 meinte...

Ich weiß nicht ob Du diese Mikrogesellschaften mit einem Volk von 80 Millionen gleichsetzen kannst. Darüber hinaus ist der Preis für Sauberkeit und Funktionalität in Singapur einfach hoch. Die Augenringe findest Du auch hier, bei den 50jährigen Müttern, die in Tankstellen die Nachtschicht bis 7 Uhr morgens übernehmen oder Zehntausenden Bürodamen, die auf der Jagd nach Aufmerksamkeit, Profilierungsgelegenheiten etc. sich den Allerwertesten aufreißen.
Ratlosigkeit herrscht aber auch bei mir, wie es möglich sein soll eine Gesellschaft zu schaffen, in der die Gefahr des ungebremsten Individualismus als Zerstörungsherd für den Gesellschaftsfrieden ausgeglichen werden kann durch autoritäre Regularien, die dennoch nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.

11. Januar 2008 um 03:18  
Blogger Enpunkt meinte...

Ich habe den "europäischen" Jahreswechsel 1999/2000 in Singapur gefeiert: Die Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar wurde in Suntec City zelebriert. Es nieselt dauernd, und Teenager tanzten unter der Fountain of Wealth (oder wie das Ding heißt ...) - und irgendwann rückte die Polizei auf, um das Geschehen zeitig genug zu unterbinden. Singapur ist manchmal schon seltsam, das ist richtig ...

21. Januar 2008 um 09:42  

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