Sonntag, 12. August 2007

Kunst auf kleinstem Raum.

Das Singapurer Philateliemuseum zeigt erstmals alle Sonderbriefmarken zum Nationalfeiertag


Wann haben Sie sich das letzte Mal eine Briefmarke genauer angesehen? Wann hatten Sie überhaupt das letzte Mal eine Briefmarke in der Hand?
Für die meisten Menschen ist das geriffelte Stück Papier heutzutage nicht mehr als ein leicht antiquiertes Produkt aus Zeiten als Briefe schreiben noch nicht Snail mail (Schneckenpost) hieß.

Dass Briefmarken auch kleine Kunstwerke und farbige Zeugnisse vergangener Tage sein können, stellt nun das Singapurer Philateliemuseum anschaulich unter Beweis. Die kleine, aber feine Institution an der Coleman Street zeigt bis zum 14. Oktober erstmalig alle zum Nationalfeiertag am 9. August erschienen Sonderbriefmarken.

Der in Anlehnung an die Landesfahne ganz in rot und weiß gehaltene Ausstellungsraum lädt den Besucher ein, in chronologischer Reihenfolge alle zwischen 1960 und 2007 erschienen Kunstwerke in Originalgröße zu betrachten. Die Motive zeigen die Herausforderungen der jeweiligen Epoche: die Erschaffung einer multikulturellen Gesellschaft, die Wohnungsfrage oder Singapurs Industrialisierung. Viele Motive machen eines erneut deutlich: ohne Singapurs Bevölkerung wäre der rasche Wandel des Stadtstaates so nicht möglich gewesen. Dementsprechend oft tauchen die vier Ethnien beziehungsweise die Familie als Thema auf den Zeichnungen auf. Die Hauptfiguren sind Arbeiter, Schüler, Soldaten und Kinder.
Dem aus einem um Gleichberechtigung bemühten Land stammenden Reporter fällt jedoch sofort ins Auge: Frauen tauchen als Grundpfeiler der Gesellschaft in den Kunstwerken nicht auf.

Auch sonst sind die Briefmarken künstlerisch Kinder ihrer Zeit: von der Ausgabe zum ersten Jahrestag am 9. August 1966, die in Komposition und Ausdruck stark an die Ästhetik des sozialistischen Realismus der Sowjetunion erinnert, über psychedelische Farbspielerein der 70er bis zur photorealistischen Ästhetik des 21. Jahrhunderts.
Die Ausstellung hält sich mit Erklärungen zurück und setzt ganz auf die Kraft der Bilder.

Besonders gelungen sind die Beispiele, anhand derer einzelne Produktionsschritte vom Entwurf des Künstlers mit Buntstift und Lineal bis zur fertigen Briefmarke ausgestellt sind.

So lässt sich nachvollziehen, wie viel Handarbeit es in Zeiten vor elektronischen Layout- und Grafikprogrammen bedeutete, aus einem Schwarzweißfoto von frühen Hochhäusern des Housing Development Boards im Stadtteil Queenstown schlussendlich die vielfarbigen 4 und 10 Cent-Briefmarken zum Nationalfeiertag 1963 zu basteln.
Die Ausstellung ist somit - ob gewollt oder nicht - ganz nebenbei auch eine über ausgestorbene Berufszweige.


Erfreulich ist der Entschluss der Regierung im Photoshop-Zeitalter nicht den neuesten Gigahertzrechner zu bemühen, sondern für die gestalterische Arbeit zum 42. Nationalfeiertag den Lokalkünstler Ong Kim Seng zu beauftragen, der Singapurs Sehenswürdigkeiten auf vier verschiedenen Briefmarken mit Wasserfarben festgehalten hat.

Weshalb jedoch in dem langen Zeitraum zwischen 1975 und 2003 keine Sonderausgaben zum Nationalfeiertag herausgegeben worden sind, kann auf Nachfrage selbst der Herausgeber, Singapore Post, nicht erklären.

Egal, was Sie von den Kunstwerken selbst halten mögen –wenn Sie das nächste Mal eine Briefmarke in die Hand nehmen, achten Sie vielleicht einmal darauf, wie viel Kreativität und Aussagekraft auf diesem geriffelten Stück Papier versammelt sein kann.

Info:
National Day Stamp
Dauer: bis 14. Oktober 2007
Ort: Singapore Philatelic Museum, 23-B Coleman Street, Singapore 179807
Öffnungszeiten: montags (13.00–19.00); dienstags – sonntags (9.00–19.00)
Eintrittspreise: $5 (Erwachsene); $4 (Kinder, 3–12 Jahre)
Telefon: 6337-3888
Webseite: www.spm.org.sg

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